Warum die Gier einer Baugenossenschaft Stadtteilgastronomie verhindert

Laut wagnis Baugenossenschaft eG hat der Pächter das Lokal kurzfristig verlassen.

In der Münchner Messestadt schließt das Café-Restaurant „Das Wohnzimmer“ im März abermals seine Pforten – der Pächter hätte das Lokal kurzfristig verlassen, so die wagnis Baugenossenschaft eG in einem Aushang im Fenster. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus und wir wollen ehemalige Gäste und Freunde unseres „Wohnzimmers“ ausführlich und mit schriftlichen Belegen über die Gründe der Schließung informieren.

Die Lüge vom schnellen Ende – Verleumdung im Schaufenster

Noch in der letzten Ausgabe des Stadtteil-Magazins „TakeOff!“ konnten wir von den positiven Entwicklungen im Café-Restaurant „Das Wohnzimmer“ in München-Riem berichten. Die vergangenen eineinhalb Jahre waren wie im Flug vergangen und der Gastronomiebetrieb in der Messestadt hat sich zu einem belebten Treffpunkt von Nachbarn und Messegästen entwickelt. Wir konnten einen durchgehenden 7-Tage-die-Woche-Betrieb gewährleisten und unsere kulinarischen Angebote wurden sehr gut angenommen und bewertet. Das Konzept einer bodenständigen Küche in Wohlfühlatmosphäre mit Mitarbeitern aus der Messestadt hatte sich bewährt und unsere Pläne für die Zukunft sahen eine nachhaltige Weiterentwicklung bei bisher soliden betriebswirtschaftlichen Kennzahlen vor.  Unsere Verpächterin, die wagnis Baugenossenschaft eG (im weiteren Textverlauf als wagnis bezeichnet) bzw. deren Vorstand, hat uns jedoch im Jahresverlauf in mehreren Schritten gestaffelt erst die Pacht, und schließlich auch die Betriebskosten, enorm erhöht. Bereits im September 2018 haben wir den Vorstand darüber informiert, dass das nun erreichte Kostenniveau für Lage und Konzeption einer Stadtteil-Gastronomie zu hoch ist (vgl. Anlage 1).  Nachdem die nun folgenden, monatelangen Verhandlungen um eine Reduzierung der Pacht- und Betriebszahlungen gescheitert waren, hat man uns schließlich Anfang März 2019 einen Mietauflösungsvertrag zum 31. März 2019 angeboten (vgl. Anlage 2). Dieser Vertrag wurde von der wagnis aufgesetzt und unterzeichnet sowie wie im §1 wie folgt formuliert: „Die Vertragspartner sind sich darüber einig, dass das am 28.11.2017 geschlossene Mietverhältnis zum 31.03.2019 enden soll.“ – so viel zur Verleumdung im Schaufenster, wir als Betreiber hätten das Lokal kurzfristig verlassen! Ohne diesen Auflösungsvertrag hätte die vereinbarte Kündigungsfrist ein kurzfristiges Verlassen des „Wohnzimmers“ nicht ermöglicht – die vorzeitige Schließung war damit scheinbar im Interesse der wagnis-Vorstandschaft. Gerne gehen wir im weiteren Textverlauf chronologisch auf die Entwicklungen unserer „Partnerschaft“ mit der wagnis ein.

Ein Vorstand im Alleingang – Chronologie des Versagens

Die jüngste Schließung des „Wohnzimmers“ war nicht die erste, denn bereits in Herbst 2017 musste die bis dahin sehr engagierte und beliebte Betreiberin das Lokal aufgrund überhöhter Pacht- und Nachforderungen seitens der wagnis schließen. Mit gesunden Konditionen war die wagnis auf der Suche nach einem Nachfolger und wir kamen ins Gespräch. Weiterhin war die wagnis bereit, das gesamte Inventar der bisherigen Betreiberin abzulösen und damit einen zügigen Fortbetrieb zu ermöglichen. Kurz vor dem geplanten Neustart wurde die Zusage vom Vorstand gekippt und das „neue Wohnzimmer“ stand auf dem Spiel. Wir haben uns dann dazu entschieden weiteres Kapital in die Hand zu nehmen und das Inventar, obwohl nicht geplant, selbst abzulösen und auch einige Nachbarn haben Spenden für einen Fortbetrieb aufgebracht (vgl. Anlage 3).

Im Jahresverlauf 2018 hat ein anderes Vorstandsmitglied der wagnis die Zuständigkeit in der Messestadt übernommen und das Klima wurde rauer. Der neue Vorstand hat sich als „Nicht-Kneipengänger“ bezeichnet und sich in Gesprächen deutlich negativ zu einer Gastronomie im Bauprojekt geäußert. Im September 2018 haben wir uns dennoch hilfesuchend an den Verpächter gewendet. Mit Hilfe ganzheitlicher, ungeschwärzter Umsatzzahlen und Kontoauszüge haben wir darum gebeten, das nun erreichte Kostenniveau zu senken (vgl. Anlage 1). Nach monatelangen Verhandlungen bzw. Abwarten auf eine Reaktion der wagnis hat diese das Pachtniveau tatsächlich reduziert, die Gesamtkosten jedoch durch ein Hintertürchen mit Hilfe einer massiven Erhöhung der Betriebskosten sogar noch erhöht. Im Jahr 2017 war das Wohnzimmer genau einen Monat in Betrieb und für diesen wurden die vereinbarten Betriebskosten vorausgezahlt – im Herbst 2018 (!) erreicht uns dann eine Nachforderung für diesen lediglich einen Monat von über 1.000 Euro. Für das Jahr 2018 hat uns nun eine Nachzahlung im mittleren vierstelligen Bereich nur für die Betriebskosten erreicht – eine finale Abrechnung seitens wagnis sei erst Ende 2019 geplant. Im Gespräch wurde uns weiterhin mitgeteilt, wir sollten doch das Konzept überdenken und sowohl Preisniveau und Zielpublikum weiter anpassen – dies war jedoch nicht in unserem Sinne und passt nach unserer Meinung auch nicht in die Messestadt. Im weiteren Jahresverlauf nahmen die bürokratischen Schikanen des wagnis-Vorstands zu. Wichtige Reparaturarbeiten wurden nicht (zeitgerecht) durchgeführt. Wir mussten die kleine Sandfläche (von der angeblich enormen Gefahren ausgehen) vor dem Eingangsbereich entfernen und der von uns unentgeltlich angebotene Abstellplatz (weniger als ein Quadratmeter) der grünen Gemüsekisten vom Münchner Kartoffelkombinat musste geräumt werden.

Auch die schlussendliche Übergabe des „Wohnzimmers“ an den Verpächter hat sich bisher äußerst schwierig gestaltet. Per Email haben wir der wagnis angeboten, bestehende Reservierungen und die Infrastruktur, wie zum Beispiel Homepage, Email-Newsletter, Facebook- und Google-Account etc., für einen erfolgreichen und nahtlosen Fortbetrieb unter neuer Führung gänzlich kostenfrei zu übergeben – die Antwort des wagnis-Vorstands war niederschmetternd für eine Zukunft des „Wohnzimmers“: „Das Lokal muss zu dem Zeitpunkt bis auf die Gegenstände auf den drei Listen komplett geräumt sein und gemäß Pachtvertrag hergerichtet sein. Wir akzeptieren keine weiteren „Gebrauchsgegenstände“. Neben den Gegenständen aus der Ablösevereinbarung besteht kein Interesse an Infrastruktur, Homepage und Weiterem. Der Name gehört uns ja soundso. Mit freundlichem Gruß…“. Damit war uns auch nicht gestattet, von Nachbarn durch Spenden eingebrachte Inventarstücke zurückzulassen. Weiterhin erhebt die wagnis nun Anspruch auf das Inventar, welches in 2017 nicht seitens wagnis sondern durch uns von unserer Vorgängerin abgelöst werden sollte.

Wir wissen natürlich, dass die Meinung des Vorstands der wagnis Baugenossenschaft eG nicht unbedingt der mehrheitlichen Interessen der wagnis-Mitglieder entspricht und bedanken uns für das zahlreiche Engagement unserer Gäste und Freunde aus der Messestadt. Gerade weil wir sehr viel Energie und Arbeit in das Projekt „Das Wohnzimmer“ gesteckt haben wünschen wir uns einen positiven Fortgang und unterstützen diesen auch nach Kräften mit Inventar und Infrastruktur – dazu ist jedoch ein friedlicher, beiderseitig fairer Abschluss notwendig. Die Grundsubstanz eines erfolgreichen „Wohnzimmers“, nämlich die Gäste, ist vorhanden – neben einem Betreiber braucht es jedoch auch einen starken Verpächter im Rücken.

Hinweis zu den Anlagen: Zahlen und Namen wurden aus Rechtsgründen zum Teil geschwärzt.